Die Wirkungskraft der Kunst
Der Einfluss öffentlicher Kunst in der Stadtgestaltung auf das Wohlbefinden der Bürger, mit Blick auf den Stadtteil Oberhausen in Augsburg
Narsis Dibaj
Gutachter: Prof. Ulrich Fleischmann · Hans Binder Knott

Kunst als Werkzeug für städtische Transformation
Kunst gilt in der Stadtplanung oft als Dekoration. Im Augsburger Stadtteil Oberhausen fühlen sich viele Menschen übersehen. Ihre Botschaft an die Stadt: „Vergiss uns nicht!“
Theorie, eigenes Experiment mit Studierenden, Analyse internationaler Fallbeispiele, Systemanalyse des Stadtteils und 21 kontextuelle Interviews mit einem selbst gestalteten Tool.
Drei Design-Herausforderungen, ein strategischer Rahmen mit vier Prinzipien, das Konzept „Oberhausener Lichtpassagen“ und eine partizipative Intervention im Stadtraum.
Kernerkenntnis: Die Bewohner wünschen sich vor allem Sichtbarkeit, Anerkennung und Mitgestaltung.
Gestaltung von Veränderung in komplexen sozialen Systemen. Im Mittelpunkt steht nicht das einzelne Objekt, sondern der Prozess, der Menschen, Orte und Strukturen verändert.
Einzelarbeit: Konzept, Forschung, Gestaltung
Masterthesis, Hochschule Augsburg, 2025
Mixed Methods, Systemic Design, Co-Creation
Augsburg-Oberhausen
Erst die Frage, dann die Form
Frage
Jedes Projekt beginnt mit einer klaren Fragestellung.
Hier: Forschungsfrage zu Kunst und Wohlbefinden
Forschung
Interviews, Recherche und Methoden der Datenerhebung beantworten die Frage.
Hier: Experiment, Fallstudien, 21 Interviews
System
Aus den Erkenntnissen entsteht ein visuelles System oder eine Lösung.
Hier: Strategischer Rahmen, Konzept, Intervention
Daten
Ich gestalte so, dass die Gestaltung selbst Daten liefert.
Hier: Interview-Tool mit Reißzwecken
Verbesserung
Daten zeigen Stärken und Schwächen und steuern den nächsten Schritt.
Hier: 21 Diagramme als Gesamtbild
Dieses Prinzip übertrage ich auf Brand Design und Art Direction: visuelle Systeme, die messbar sind und von anderen weitergeführt und verbessert werden können.
Ist Kunst Dekoration oder eine Notwendigkeit?
Drei Uhr nachts, 1999
Ich bin ungefähr sieben Jahre alt und sehe meinen Vater mitten in der Nacht malen. Damals verstehe ich nicht, warum. Jahre später, mit meinem ersten eigenen Werk, verstehe ich es. Und frage mich: Gilt das für alle Menschen?
Das Gedankenexperiment
Außerirdische nehmen über Nacht alle Kunst aus einer Stadt wie München mit: Statuen, Wandbilder, Plakate, Logos. Übrig bleibt grauer Beton. Was fehlt uns dann?
Kunst gilt in der Stadtplanung oft als zweitrangig
In Planungs- und Entwicklungsprozessen werden künstlerische und ästhetische Aspekte häufig vernachlässigt oder als dekorativ betrachtet. So entstehen Räume ohne Identität, die menschliche Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sinn und sinnlicher Anregung nicht erfüllen.
Untersuchungsfeld: der Augsburger Stadtteil Oberhausen, ein Umfeld mit großem Potenzial für eine positive Transformation durch gezielte künstlerische Interventionen.
Wie und in welchem Maße können visuelle Kunstinterventionen in den öffentlichen Räumen Oberhausens die Umweltqualität, das psychosoziale Wohlbefinden der Bewohner und die Dynamik des Stadtteils positiv beeinflussen?
Wie reagieren die Bewohner auf diese Interventionen, und welche Lehren lassen sich für Kunst als Instrument der städtischen Transformation ziehen?
Sechs Schritte, sechs Methoden

Theorie
Literaturrecherche zu Philosophie und Ästhetik

Experiment
Eigene Kunstperformance, zwei Phasen, quantitative Auswertung
4 Wirkungen
Fallstudien
Analyse von Kunst im Stadtraum weltweit

Systemanalyse
Kontextanalyse mit dem Systemic Design Toolkit

Feldforschung
Mobiles Interviewing mit eigens gestaltetem Tool

Strategie & Aktion
Strategischer Rahmen, Konzept und partizipative Intervention
Was ist Kunst?
Ausgewählte Positionen aus der Literaturrecherche bilden das Fundament der Arbeit.
Anthropologischer Befund: Von den 30.000 bis 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien in Lascaux und Chauvet bis heute ist keine menschliche Kultur ohne Kunst bekannt.
Eigene Position: Kunst übersetzt gelebte Erfahrung in eine Form. Ihr Ziel ist ein gemeinsames Erlebnis und ein Gespräch.
Kunst ist keine Dekoration, sondern Erfahrung.
Platon
Kunst ist Nachahmung der sinnlichen Welt, die selbst nur eine unvollkommene Kopie der Ideenwelt ist.
Aristoteles
Kunst ist schöpferische Neugestaltung der Wirklichkeit, die Gefühle läutern und zu Erkenntnis führen kann.
Tolstoi
Kunst ist die „Ansteckung“ des Publikums mit einem echten Gefühl des Künstlers.
Dewey
Kunst ist Erfahrung: Sie entsteht in der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umgebung und gehört in den Alltag.
Dutton
Die Neigung, Kunst zu schaffen und zu schätzen, hat tiefe evolutionäre Wurzeln und ist kein bloßes kulturelles Konstrukt.
Wie entsteht die Bedeutung eines Kunstwerks?
Ich habe eine Performance konzipiert und Studierende als Teilnehmende eingebunden. Das verbindende Element: die Farbe Rot, die in allen Kulturen Gefühle von Liebe und Macht bis Gefahr und Tod weckt.


Bedeutung entsteht zwischen Menschen
je Kategorie für Gefühle/Emotionen, Orte/Natur und physische/allgemeine Zustände. Die Eindrücke sind breit gestreut und persönlich.
für Gefühle/Emotionen. Die Kategorie Gefahr/Sicherheit steigt auf 25,9 %. Die Bedeutung verdichtet sich zu gemeinsamen Themen.
Die Bedeutung eines Kunstwerks ist kein festes Phänomen. Sie wird im sozialen Dialog immer wieder neu definiert. Das Experiment macht Tolstois „Ansteckung“ und Deweys „Kunst als Erfahrung“ praktisch sichtbar.
Warum das wichtig ist: Wer Kunst für den öffentlichen Raum plant, gestaltet nicht nur ein Objekt, sondern einen Dialog. Deshalb gehören die Menschen vor Ort von Anfang an in den Prozess.




Was Kunst in Städten messbar verändert
Sicherheit · Kansas City
Bemalte Kreuzung: 27 % mehr Autofahrer halten für Fußgänger, 38 % weniger eilige Rotläufer, 25 % weniger Beinahe-Unfälle
Identität · Rio de Janeiro
Haas & Hahn: Platz und 34 Fassaden als Leinwand, Jugendliche aus dem Viertel geschult und als Maler angestellt
Gesundheit · Wien
5 Minuten zwischen 11 abstrakten Kunstdrucken senken Angst und Stress so wirksam wie eine grüne Intervention
Wirtschaft · Münster
Skulptur Projekte 2017: über 650.000 Besucher, rund 48 Mio. Euro Umsatz, Hotels zu 80 bis 90 % ausgelastet
Risiko Gentrifizierung · Wynwood, Miami. Kunst machte das Viertel begehrt, die Mieten stiegen, die puerto-ricanische Gemeinschaft wurde fast vollständig verdrängt, später auch die Galerien. Entscheidend ist, mit wem und für wen Kunst entsteht.
Zwei Gesichter einer Stadt
Augsburg blickt auf über 2.000 Jahre Geschichte zurück, mit einer tief verwurzelten Tradition des Kunstmäzenatentums. Das Zentrum glänzt und wird von großen Kulturbudgets getragen.
Stadtteile wie Oberhausen kämpfen dagegen mit Investitionsmangel und sozialen Herausforderungen. Dieser Kontrast macht Augsburg zum idealen Untersuchungsfeld für die Frage nach der gerechten Verteilung von Kunst und Schönheit.




Augsburg-Oberhausen
Ehemaliges Arbeiterviertel, seit dem 1. Januar 1911 Teil Augsburgs. Online zeigen sich schöne Bilder, vor Ort dominieren graue Töne. Bahnhof und Hettenbachpark gelten als Brennpunkte. Zugleich viel Energie: das Gaswerk als Kreativquartier, Festivals wie das „Modular“.
Einwohner (Stand Ende 2024)
Anteil der ausländischen Bevölkerung, Augsburg gesamt 26,7 %
Rund drei Viertel der Bewohner Oberhausens haben einen Migrationshintergrund.
Höchster Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund in Augsburg, sehr niedriges Durchschnittsalter.
Augsburg gesamt: Stadt Augsburg, Strukturatlas, Stand 31.12.2025


Fünf Dimensionen eines Stadtteils
Kultur
Praktiken und Handlungsweisen
Institutionelle Strukturen
Wirtschaftliche Strukturen
Langfristige Trends
Zentrale Erkenntnis: In Oberhausen leben viele Gemeinschaften nebeneinander. Kunst für eine einzelne Nationalität würde die meisten nicht erreichen. Gesucht war das, was alle verbindet.
Bereits vor dieser Arbeit habe ich mehrere Kunstperformances und kreative Interviews im Stadtraum durchgeführt.

Mobiles Interviewing
Statt zu warten, bis Menschen zu mir kommen, bin ich mit meinem Forschungswerkzeug zu ihnen gegangen: auf Straßen und in Geschäfte.
Das Tool: eine leichte, tragbare Pinnwand mit zwei Blättern.
Blatt 1: „Oberhausen gestalten: Ihre Ideen zählen!“ mit fünf Fragen, darunter: Welche Botschaft soll Kunst als Lautsprecher des Viertels senden?
Blatt 2: Radialdiagramm, beantwortet mit Reißzwecken. Einfach, schnell und spielerisch, um Hemmschwellen zu senken.












Vertrauen gewinnen
Angesprochenen nahm teil
Gründe für Absagen: Sorge um die eigenen Deutschkenntnisse, die Annahme, es gehe um einen Verkauf, und Misstrauen. Wer stehen blieb, wurde oft neugierig und erzählte mehr als gefragt.
„Die Leute hier leben einfach alle zusammen, egal wo man herkommt.“
„Ich hab's so mit der Angst zu tun, wenn ich über den Oberhausener Hauptbahnhof muss.“
21 Tafeln, 21 Stimmen
Eine Tafel pro Interview, eine Person pro Tafel
Jede Tafel wurde dokumentiert und als Kreisdiagramm übertragen. Übereinandergelegt zeigen die Diagramme das kollektive Bild des Viertels.


Eine duale Identität
Stolz auf das soziale Kapital: „Multikulti“, „Zusammenhalt“, „lebendig“. Vielfalt wird als Stärke erlebt.
Verfall im Alltag: „dreckig“, „Müll“, Hinweise auf Sucht. Der Bahnhof steht für Vernachlässigung und Unsicherheit.
Die Antworten sind ein kollektiver Ruf nach Anerkennung und Sichtbarkeit.
Drei Leitfragen für die Gestaltung
Das mobile Interviewing hat den Blick von reinen „Problemen“ zu Design-Herausforderungen gelenkt. Sie kommen direkt aus der Stimme der Gemeinschaft und bilden die Grundlage für den strategischen Rahmen.

Partizipation
Wie kann ein künstlerischer Prozess entworfen werden, in dem die Bewohner von Zuschauern zu Schöpfern werden?
Raumrückeroberung
Wie lassen sich die dunkelsten Räume Oberhausens, etwa rund um den Bahnhof, in Symbole der Hoffnung und Sicherheit verwandeln?
Repräsentation
Wie kann Kunst als Lautsprecher die unerzählten Geschichten Oberhausens erzählen und eine Botschaft des Stolzes an die Stadt senden?
Vier Prinzipien
Tiefgreifende Partizipation
Von „Kunst für die Menschen“ zu „Kunst mit und von den Menschen“. Einbindung in allen Phasen schafft Ownership und schützt vor Vandalismus.
Kunst als Storytelling
Die unerzählten Geschichten erzählen: Industriegeschichte, Migrationsgeschichten, Zusammenhalt in der Vielfalt.
Taktische Interventionen
Kleine, kostengünstige Eingriffe genau an den Schmerzpunkten aus den Interviews, etwa Unterführungen und graue Mauern am Bahnhof.
Hyperlokale Ökonomie
Lokale Künstler und Handwerker, Material aus dem Stadtteil. Der Mehrwert bleibt vor Ort, als Prävention gegen Gentrifizierung.

Oberhausener Lichtpassagen
Die Unterführungen rund um den Bahnhof, heute Orte der Vermeidung, werden zu dauerhaften Galerien. Storytelling-Workshops sammeln die Geschichten der Bewohner, lokale Künstler und Jugendliche setzen sie um. Jede Unterführung wird ein Kapitel: „Unsere Industriegeschichte“, „Unsere Reisen und Wurzeln“, „Zusammenhalt in der Nachbarschaft“. Helle Farben und Beleuchtung sorgen für Sicherheit.
Ein Spiegel für Oberhausen
Eine persönliche, minimalistische Intervention: Wer in den Spiegel schaut, sieht zuerst sich selbst und dahinter das eigene Viertel. Dazu drei Stifte in den offiziellen Farben Augsburgs: Rot, Grün, Weiß.
In Rot steht der Kernsatz aus den Interviews: „Wir sind auch hier!“
Passantinnen und Passanten schreiben ihn in ihrer Muttersprache dazu und sehen dabei ihr eigenes Gesicht.





Zeiger bewegen
Viele gingen vorbei. Andere blieben stehen, machten Selfies, kehrten um und fragten nach. Daraus entstanden Gespräche zwischen Fremden über Sorgen und Hoffnungen für das Viertel.
Identität im Wandel
Viele Jugendliche und junge Erwachsene aus Familien mit nicht-deutschen Wurzeln konnten die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern nicht mehr schreiben, manche sprachen sie nicht mehr fließend.
Selbst wenn die Eltern den Satz vorsagten, schrieben die Jüngeren ihn auf Deutsch. Auf dem Spiegel wurden Integration, Assimilation und Identitätswandel zwischen den Generationen sichtbar.
Kunst ist eine Notwendigkeit
Die Intervention war klein im Maßstab und liefert doch deutliche Hinweise auf die zentralen Thesen der Arbeit: Partizipative Kunst schafft Stolz und Mitverantwortung. Schon eine minimale künstlerische Störung im Alltag öffnet Raum für Dialog und Reflexion.
Vernachlässigung, Verfall und Vergessen sind die „Außerirdischen“ vom Anfang. Sie nehmen einem Viertel die Farbe. Kunst, die mit den Menschen entsteht, gibt ihnen ihre Geschichte zurück.
Was ich aus diesem Projekt mitnehme
Erst die Frage, dann die Form
Ich beginne mit einer klaren Fragestellung und beantworte sie mit Interviews, Recherche und Methoden der Datenerhebung. Erst daraus entsteht das visuelle System.
Gestaltung, die Daten liefert
Ich gestalte so, dass Ergebnisse messbar bleiben, wie die Pinnwand mit Reißzwecken. So erkenne ich Stärken und Schwächen und steuere gezielt nach.
Prozesse, die ohne mich weiterlaufen
Mit Methoden des Projektmanagements plane ich Phasen, Zeit und Risiken voraus, belege Entscheidungen mit Referenzen und dokumentiere so, dass andere den Weg fortführen und verbessern können.
Perspektivenvielfalt
In über zwei Jahren Teamarbeit mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen habe ich gelernt, Probleme aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, und die deutsche Arbeitskultur von innen kennengelernt.
Gestalterisches Auge, kritisches Denken
Ich verbinde künstlerische Sensibilität mit analytischer Distanz.
Mehr Zeit für die Rekrutierung einplanen (nur 1 von 8 Angesprochenen nahm teil) und auch beim Experiment und bei der Spiegel-Intervention die Teilnehmerzahl von Beginn an dokumentieren.
Was dieses Projekt zeigt
Systemisches Denken
Rich-Context-Analyse des Stadtteils in fünf Dimensionen
Nutzerforschung
21 kontextuelle Interviews mit selbst gestaltetem Tool, direkt im Stadtraum
Datenbasierte Gestaltung
21 Radialdiagramme, überlagert zu einem kollektiven Gesamtbild
Art Direction
Kunstperformance mit Rot als visuellem Leitsystem: Video, Licht, Raum, Ablauf
Strategie
Synthese zu drei Design-Herausforderungen und vier Prinzipien
Co-Creation
Spiegel-Intervention: Passanten gestalten das Werk in ihrer Muttersprache mit
Projektmanagement
Planung und Umsetzung von sechs Projektphasen, von der Theorie bis zur Intervention
Editorial Design
Gestaltung der gesamten Thesis
Übertragbar auf: Brand Design · Art Direction · Corporate-Design-Systeme · UX Research · Service Design · Beteiligungsprozesse